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Der ökologische Diskurs. Wer bestimmt Themen, Formen und Entwicklung der öffentlichen Umweltdebatte? Export

edited by: Gerhard de Haan

In Umweltbewußtsein und Massenmedien. Perspektiven ökologischer Kommunikation (1995), pp. 47-62.

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iehe auch [[Brand et al. 1997]]; der 1995er Text basiert auf der dort ausführlich dargestellten Untersuchung. Brand vertritt grundsätzlich eine kulturalistisch-konstruktivistische Position, was auch hier deutlich wird.

==Gliederung==

- Einleitung

Sieben "soziale FIlter", "die die soziale Konstruktion von Umweltproblemen kanalisieren" (S. 49):

1. Die Eigendynamik der wissenschaftlichen Umweltdebatte 2. Nationale Problembetroffenheit und Interessenkonstellation 3. Unterschiedliche kulturelle Resonanzen der Umweltdebatte 4. Nationale Entwicklungsdynamk des Umweltkonflikts 5. Die Veränderung politischer Großwetterlagen 6. Das politische Agenda-Setting 7. Die Selektivität der Massenmedien

Zur Einleitung

Widerspruch gegen die Auffassung, dass es einen Akteur gibt, der den Diskurs bestimmt. Vielmehr Konflikthaftigkeit von Diskursen (in westlichen Demokratien mit funktionierender Öffentlichkeit. Nach Gamson (1988) definiert Brand Diskurse wie folgt:

:"Öffentliche Diskurse sind /kontrovers strukturierte Felder symbolischer Interaktion/ [...], in denen verschiedene Akteure um die Definition der Wirklichkeit, um die Durchsetzung spezifischer Deutungen der ökologischen Probleme konkurrieren. Obwohl die beteiligten Konfliktakteure über sehr unterschiedliche Ressourcen und Definitionsmacht verfügen, besitzt der öffentliche Diskurs doch eine von einzelnen Akteuren niemals völlig steuerbare Eigendynamik. In den symbolischen Kämpfen um kulturelle Hegemonie, um das jeweilige Deutungsmonopol verschränken sich die akteurspezifischen Wirklichkeitskonstruktionen zu einem gesellschaftlichen 'Interdiskurs' [...], dessen Dynamik sich aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren ergibt." (S. 47)

Als zentrales Feld für diese Auseinandersetzung dient in modernen Gesellschaften der Mediendiskurs. "Er macht Konflikte überhaupt erst öffentlich." (S. 47). Gleichzeitig sind Massenmedium aber nicht bloß Medium des Diskurses, sondern beeinflussen aufgrund ihrer spezifischen Selektivität ebenfalls die Diskursdynamik: "Jeder der beteiligten Akteure ist dabei gezwungen, auf die in den Medien erscheinende Darstellung der Konfliktpositionen und Problemrahmungen zu reagieren." (S. 47).

Als Besonderheit des Umweltdiskurses weist Brand auf die Wissenschaftsnähe vieler Umweltprobleme hin, wobei auch die wissenschaftlichen Analysen und Entdeckungen (etwa des Ozonlochs oder der Klimaveränderung) jeweils nicht unumstritten sind (S. 48). Während wissenschaftliche Problembefunde quasi das "'Rohmaterial' öffentlicher Umweltdiskurse" (S. 48) darstellen, bedeutet dies nicht, dass in der scientific community als solches identifizierte Probleme automatisch auf die "politische Prioritätenliste" (S. 48) gelangen. Ebenso ergibt sich nicht automatisch eine klare Handlungsrichtung zur Problemlösung, vielmehr gilt:

:"[Umweltprobleme] bedürfen erst einer bestimmten interpretativen 'Rahmung', die das jeweilige Problem mit alltäglichen Erfahrungen und Realitätsdeutungen verknüpft, die ihm eine entsprechende Dringlichkeit verleiht, Verursacher und Schuldige identifiziert und die 'notwendigen' Handlungsschritte zur Behebung der Probleme aufzeigt (vgl. Gerhards 1992). Je mehr es gelingt, diese Deutungen in alltäglichen, kulturellen Resonanzen zu verankern, je mehr es gelingt, sie symbolisch an tiefsitzende Ängste, an zentrale Interessen und Bedürfnisse anzubinden, je mehr sich diese Deutungen auch politisch instrumentalisierenlassen, desto größer sind ihre Durchsetzungschancen im öffentlichen Diskurs (vgl. Snow u.a. 1986, Snow/Benford 1988)." (S. 48).

Als Akteure, die im Diskursfeld "Umwelt" um die Durchsetzung ihrer jeweils spezifischen Problemrahmung konkurrieren, identifiziert Brand drei Akteursgruppen mit unterscheidbaren Interessenlagen:

- Umweltbewegungen und Umweltorganisationen, - Wirtschaftsakteure sowie - politische Akteure (Parteien und Ministerien).

In sich sind diese Akteursgruppen wiederum heterogen strukturiert. Genaueres über die an der Konkurrenz um Deutungsangebote beteiligten Gruppen lässt sich erst sagen, wenn ein spezifisches Thema ins Blickfeld genommen wird. Die Akteurskonstellation bezüglich der Müllproblematik ist eine andere als bei einer Debatte ums Auto. Trotzdem finden sich in der öffentlichen Debatte vor allem zwei hauptsächliche Problemrahmungen wieder ("master frames", "story lines", "issue packages"), eine Hervorhebung entweder der mit dem jeweiligen Thema verbundenen Hoffnungen und Vorzüge (individuelle Mobilität, Fortschritt) oder der Gefährdungen und Belastungen (Zerstörung von Lebensräumen, Gesundheitsgefahr). Es gibt allerdings auch Hybridformen, wenn etwa ein Öko-Auto propagiert wird.

Zur Frage, welches Deutungsangebot mehr Durchsetzungsfähigkeit entwickelt, weist Brand auf die oben bereits aufgeführten sieben Faktoren/Filter hin, die je nach den nationalen kulturellen Settings unterschiedliche Wirkung entfalten.

==Zu 1. Die Eigendynamik der wissenschaftlichen Umweltdebatte==

Vorstrukturierung des Konfliktfeldes durch die wissenschaftliche Debatte; seit den 1970er Jahren Etablierung eines institutionalisierten Systems wissenschaftlicher Umweltbeobachtung. Mit der internen Dynamik der sich daraus ergebenden wissenschaftlichen Debatte sind öffentliche Lerneffekte verbunden, die das gesellschaftliche Umweltwissen komplexer machen und das "Konfliktterrain" verschieben (Bsp. Klima als neues Thema -> veränderte Positionierung der Kernenergie) (S. 49f.).

==Zu 2. Nationale Problembetroffenheit und Interessenkonstellation==

Unterscheidung zwischen lokalen/nationalen Problemen einerseits und globalen Umweltproblemen andererseits (S. 50). Unterschiedliche Rahmungen je nach Betroffenheit und Interessenlage (Bsp. Klimadebatte: Norden - 80:Rahmung "Abholzung des Regenwalds" , Süden - Rahmung "Wasserproblem, Versteppung, Armut; neuer Kolonialismus", OPEC Rahmung "wenig relevant") (S. 51)

==Zu 3. Unterschiedliche kulturelle Resonanzen der Umweltdebatte==

Rückgriff der Akteure öffentlicher Konflikte bewußt/unbewußt "auf einen gemeinsamen, historisch strukturierten Bestand an kulturellen Deutungen und Symbolisierungen" (S. 51), für den strategischen Einsatz begrenzt durch den jeweiligen Horizont kultureller Selbstverständlichkeiten (damit dann auch Reproduktion dieser Selbstverständlichkeiten). Beispiele für den Umweltkonflikt:

- hohe emotionale Resonanz der auf die aristokratische Wertschätzung von Land und Landschaftsschutz basierenden Haltung zu Landschaft in England

- Akzetanz der Kernenergie im Frankreich <-> rationalistisches Erbe, hohe Wertschätzung für Wissenschaft und Fortschritt

- Deutschland: grünes Engagement und Romantik?

Allerdings weist Brand auch darauf hin, dass derartige medial gerne thematisierten nationalen Stereotypisierungen mit Skepsis zu betrachten sind, dass neben den Mythen auch andere Faktoren wie vorherrschende gesellschaftliche Konfliktlinien stehen (S. 52).

((Generell für TuAk-neu interessant:

:"Dennoch bleibt das Faktum unterschiedlicher kultureller Resonanzen. So wäre zu fragen, warum gerade in Deutschland die Umweltdebatte, etwa die Diskussion um das Auto oder um einen umweltbewußten Lebensstil, mit einer so hohen moralischen Aufladung und emotionalen Intensität geführt wird. Eine Vermutung (der wir [...] empirisch nachgehen) wäre, daß die Umweltdebatte in Deutschland mehr als in anderen Ländern als Projektionsfolie für zwei konkurrierende Formen kollektiver 'Ersatzidentitäten' dient: Auf der einen Seite steht ihre - ursprünglich negative - Kopplung mit einer um Wiederaufbau, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, um das 'wir-sind-wieder-wer'-Syndrom gewonnenen Ersatzidentität; das läßt sich inzwischen auch positiv - 'Umweltschutz als Wachstumsbranche' - ausbuchstabieren. Auf der anderen Seite steht der primär moralisch motivierte Protest gegen diese Art materieller Identitätsbestimmung, der zunächst, in der 68er-Generation, links-libertär ausbuchstabiert wird, sich in den siebziger und achtziger Jahren dann aber zunehmend ökologich auflädt und zu einer Frage des moralisch 'richtigen' Lebensstils transformiert." (S. 52).

))

==Zu 4. Nationale Entwicklungsdynamk des Umweltkonflikts==

Kopplung von Aufmerksamkeit an polarisierte öffentliche Debatte (S. 52). Deswegen Verknüpfung der Dynamik des Umweltdiskurses mit der Thematisierungs- und Polarisierungskraft der jeweiligen nationalen Umweltbewegungen, die von Faktoren wie tatsächlich drängenden Umweltproblemen, aber auch von Strukturfragen des politischen Systems, vom nationalen Politikstil usw. beeinflusst wird. Zyklischer Charakter gesellschaftlicher Mobilisierungsprozesse (Formierung der Bewegung - Polarisierung und Massenmobilisierung - Verlust der Mobilisierungsfähigkeit aufgrund von Veralltäglichung, Institutionalisierung und/oder Zerfall der Bewegung) => parallel dazu Veränderung des Umweltdiskurses (S. 53). ((das Argument passt auch ganz gut zu den Ratgebern!)). Diskussion dieses Phasenmodells für Deutschland von 1960 bis 1990 (S. 53-55):

- Phase I: Brandt: Umweltschutz von oben, großer Konsens über die Notwendigkeit (1969-74; vorher kein Thema) - Phase II: Schmidt: Wirtschaft hat Vorrang, Polarisierung Ökonomie und Ökologie, Entstehung der Bewegung (Organisationen, GRÜNE, ...) DISKURS: KRISE, ENTHÜLLUNG (1975-82) - Phase III: Seit Beginn der achtziger Jahre Institutionalisierungstendenzen der Umweltbewegung; GRÜNE als Partei, Bundesumweltministerium, "Das öffentliche und das private Leben wird 'grün'." (S. 54), Öko+Öko-Konzepte, DISKURS: DIALOG, PROBLEMLÖSUNG - Phase IV: Seit 1991/92: Überlagerung durch dominanten ökonomischen Krisendiskurs, Aufbau Ost => neues Konfliktpotential; Zugleich kaum mehr rückgängig zu machender hohe öffentliche Sensibilität für Umweltprobleme, integrative Umweltschutz, NACHHALTIGE ENTWICKLUNG als Master frame

==Zu 5. Die Veränderung politischer Großwetterlagen==

Anschlussfähigkeit an Großdiskurse (S. 55), Reform- und Reaktionsphasen als Gesamtrahmung (BRD: Kapitalismuskritik seit 1968, anitmodernistischer Diskurs 1970er, neoliberal-postmoderner Diskurs 1980er, Krisendiskurs 1990er)

==Zu 6. Das politische Agenda-Setting==

:"Da die Massenmedien auch im Umweltbereich ihre Aufmerksamkeit primär auf Spitzenpolitiker, politische Entscheidungen und dadurch ausgelöste Kontroversen richten, wird die öffentliche Umweltdebatte zu einem nicht unerheblichen Teil von den einer eigenen, parteipolitischen Rationalität folgenden Prozessen des politischen Agenda-Setting geprägt." (S. 56)

==Zu 7. Die Selektivität der Massenmedien==

Wichtige Filterfunktion: massenmediale Mechanismen, eigene Aufmerksamkeitsgesetze. Verschiedene Arten von Einfluss der Massenmedien auf den Umweltdiskurs. Einige Zugangsbarrieren für Umweltthemen: bis in Ende der 1980er Jahre: Barrieren organisatorisch-institutioneller Art, Barrieren aufgrund der Aufmerksamkeitsstruktur der Medien, Berufsverständnis der JournalistInnen (S. 56). Heute fester Platz für Umweltjournalismus (S. 57).

Weitere Faktoren, die Einfluss auf Berichterstattung nehmen:

:"Manipulieren Redaktionen und Journalisten die Berichterstattung über Umweltprobleme gemäß ihrer eigenen ideoologischen Linie [...]? Sind es spezifische, in den Ereignissen oder Themen [...] selbst liegende Faktoren, die eine Berichterstattung begünstigen oder benachteiligen, wie die 'Nachrichtenwert'-Theorie meint? Oder sind es überwiegend 'inszenierte Informationen', die durch professionelle PR-Arbeit der gesellschaftlichen Konfliktparteien in die Printmedien gelangen, wie es der 'agenda building'-Ansatz sieht?" (S. 57).

Brand hält keinen dieser Ansätze für generell zutreffend; jeder Ansatz weist bestimmte Begrenzungen auf und verallgemeinert Teilaspekte. Er schlägt daher vor, ein mehrstufiges Selektionssystem bei der massenmedialen Vermittlung des Umweltdiskurses anzunehmen (S. 58f.):

- Ebene organisierter Interessen, konkurrierende Informationslieferung

- Ebene journalistischer Aufbereitung/Kommentierung

- Zugeschriebene Qualität der "Ereignisresonanz"

- Rückkopplung medialer Realitätskonstruktion mit dem gesellschaftlichen Deutungskontext: Selektionsfilter nach "kultureller Resonanz" (d.h. auch: vertraute und naturalisierte Deutungen haben es leichter als quer dazu stehende)

Zur zufriedenstellenden Erklärung von Agenda-Setting im Umweltbereich insgesamt reicht es nicht aus, sich die Medien -- als ein Akteur -- anzuschauen; vielmehrist eine "Rekonstruktion des gesamten Feldes, der darin ineinandergreifenden sozialen Filter- und Selektionssystem" (S. 59) notwendig.

Literatur

Brand, K.-W. (Hrsg.) (1985): Neue soziale Bewegungen in Westeuropa und den USA. Frankfurt am Main/New York: Campus.

Gamson, W.A. (1998a): Political Discourse and Collective Action, in: Klandermans, B.; Kriesi, H.; Tarrow, S. (eds.): International Social Movement Research, Vol. 1, pp. 219-246, Greenwich.

Gerhards, J. (1992): Dimensionen und Strategien öffentlicher Diskurse. In: Journal für Sozialforschung, Jg. 32, H. 3/4, S. 307-318.

Snow, D.A.; Rochford, E.B.; Worden, S.K., Benford, R.D. (1986): Frame alignment processes, micromobilization and movements participation. In: American Sociological Review, 51, pp. 464-481.

Snow, D.A: Benford, R.D. (1988): Ideology, Frame Resonance and Participant Mobilization. In: International Social Movement Research, Vol. 1, Greenwich, pp. 197-217.

tillwe (public note) - 2009-01-27 14:07:00

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